Runter

Bei diesem Post entstand erst der Text

 

April, Freitagabend. Wir sind zu Besuch bei unseren besten Freunden. Wir haben gut gegessen. Selbstgemachtes Bärlauchpesto, Tortellini und einen Salat.
Nun sind wir rausgegangen, zum Spielen. Das erinnert mich an früher. Rausgehen, um zu spielen. Aber als Kind habe ich andere Sachen draußen gespielt. Heute Abend spielen wir neumodischen Kram. „Pokémon“.
Gut, ich gebe zu, Pokémon gab es schon vor 25 Jahren. Aber nicht in dieser Form. Gut, in der alten Form, da musstest du nicht raus, um Pokémon zu spielen. Im Gegenteil. Da hattest du den Fernseher um die Serie zu schauen und du brauchtest einen Gameboy um die Spiele zu spielen. Dafür war man selten draußen, denn zum Gameboyspielen brauchte man Licht.


Heutzutage ist das anders. Du hast dein Smartphone, brauchst GPS Empfang, damit die Satelliten im All wissen, wo du bist. Und damit wissen es wahrscheinlich noch mehr Institutionen. Mister Donald Trump, Frau Merkel. Erdogan.
Aber trotzdem ist diese Art Pokémon zu spielen irgendwie gut. Man kommt raus, man hat Spaß, man interagiert mit Freunden. Denn du musst wirklich zu diesen Orten in der realen Welt gehen, um diese kleinen Taschenmonster zu fangen.
Eigentlich sollten meine Gedanken in die Richtung gehen: Früher, ja früher war alles besser. Hm, fehlgeschlagen. Man kann über ständiges Online-Sein, Multimedia und Smartphone ja meckern und möppern wie man mag. Aber Pokèmon Go ist schon eine feine Sache.

Gut, wenn schon nicht dieses Spiel besser ist als früher, dann muss ich persönlicher werden. Ich habe bis vor fünf Minuten auch diese Innovation mitgespielt. Bin immer wieder einen Weg auf- und abgegangen. Um kleine, virtuelle Monster zu fangen. Dabei haben die liebe River Green und ich unsere Idee aufleben lassen. Gedanken zu schreiben und zu fotografieren. Eigentlich soll das mal etwas Großes werden. Aber ich glaube, dafür sind wir beide noch nicht bereit. Ich stelle mir etwas Anderes vor als sie. Und deswegen haben wir unseren Blog mal wieder ins Gespräch gebracht. Eine Idee, vor Jahren ausgegraben, festgehalten, aber nie was draus gemacht. Bis jetzt.

Wir wollen versuchen, Gedanken festzuhalten:
River als Fotografin, ich als Autorin, dabei soll es Hand in Hand gehen.
Und es ist egal, wer als erstes etwas hat.
Gibt es erst ein Foto, gehe ich mit einem zweiten Blick und schreibe meine Gedanken zum einzelnen Foto, oder auch Fotostrecken, auf.
In Form von Fließtexten, Gedichten, Prosa oder Kurzgeschichten. Es kann alles sein. Ohne zu wissen, was River beim Machen des Fotos dachte.
Aber auch andersherum. So wie in diesem Blogpost nun der Fall. Ich setze mich hin und schreibe, heute, mal ausnahmsweise, einen sehr persönlichen Text auf. Den stelle ich River zur Verfügung und sie macht Fotos dazu. Was gibt mein Text für Kopfkinobilder her?

Ich kann nicht mehr laufen…
Mein Rücken zickt ein wenig rum. Das ist eine lange Geschichte, und die soll hier nicht Thema werden.

Ich mache Pause, setze mich um 21 Uhr auf eine Bank. Es ist dunkel, es ist frisch. April eben. Durch die dünne Jeggings dringt die Kälte. Die Bäume, die den kleinen Spielplatz umschließen, ragen wie schwarze Schatten in den grauen Abendhimmel. Der Wind bringt ihre Zweige zum Singen.
Ich schließe die Augen und in meinem Kopf entsteht schon der erste Blogbeitrag, dieser hier, für unsere Idee vom zweiten Blick.

Ich mache die Augen wieder auf.
Etwa fünf Meter vor mir steht ein kleines Klettergerüst, aus Holz. Mit Rutsche, ein Dach. Der Wind wird etwas kräftiger. Wenn ich die Augen wieder schließe, dann kommt es mir sicherlich so vor, als würde ich an der Küste sitzen. Nicht hier, mitten in der Stadt. Hinter mir eine Kirche, vor mir ein Kinderspielplatz.

Dieses Klettergerüst ist nicht sehr groß. Wenn ich mich daneben stellen würde und ich die Hand nach oben strecke, dann könnte ich das Dach berühren.
Aber ich stelle mich nicht daneben. Ich bleibe sitzen.
Und der Blogbeitrag wird doch wieder in diese Richtung gelenkt: Früher war alles besser.

Runter
Früher, ja früher. Da wäre dieses Klettergerüst nicht so klein gewesen. Da wäre es groß gewesen. Wie eine Festung. Wir hatten ein ähnliches Klettergerüst auf unserem Spielplatz.

Da haben wir immer ein selbst ausgedachtes Spiel gespielt. Das hieß „Runter“.
Ein Mitspieler wurde zum Turmwächter erklärt, der musste seinen Turm schützen. Die anderen mussten versuchen, unbemerkt, den Turm zu erklimmen. Der Wächter musste dann immer zusehen, die Mitspieler mit einem lauten „Runter“ wieder von dem Gerüst zu scheuchen. Je mehr Mitspieler, desto schwieriger wurde das, denn irgendwann kam der Wächter nicht mehr hinterher.

„Runter“. Man hat seinen Besitz verteidigt und geschützt. Man hat seine Komfortzone klar definiert und anderen in diesem Spiel versucht zu signalisieren, hey, nur bis hier hin und nicht weiter.

Der Wind frischt auf. Ich hab noch 4 Minuten bis die Zeit des Lockmoduls aufgebraucht ist und nicht mehr so viele Pokémon auftauchen, die die anderen fangen können.

Wie soll dieser Blogpost nun enden? Was möchte ich River in unserem ersten Testlauf geben, um zu fotografieren? Steckt in diesem Post schon genug drin? In meinem Kopf sind schon Bilder, aber ich finde den Beitrag noch nicht rund. Es braucht doch noch irgendwie ein Fazit. Ein Schlussgedanke.

„Runter“. Früher war das so einfach gesagt. Als Kind im Spiel.

Aber auch heute, im Erwachsenenalter gibt es Situationen, in denen wir Mitmenschen Runter schicken. Runter von eigenen Gefühlen, runter von Ideen. Weil wir Ansprüchen auf unsere Sachen stellen. Wir wollen nicht, dass jeder, wie ihm beliebt in unsere Komfortzone geht. Dafür brauchen wir kein Klettergerüst. Unser Klettergerüst sind unsere Gedanken, unser Drang nach Erfolg und Geltung. Wir alle wollen einmalige Dinge schaffen, der eine mehr, der andere weniger. Wir wollen zeigen, was wir können und wollen Anerkennung. Und um dies nicht teilen zu müssen, schicken wir Menschen „Runter“.

Was hat das nun mit diesem Blog zu tun? Diese Blogbeiträge kommen von irgendwoher. Meine Art zu schreiben, Rivers Art zu fotografieren. Egal wie Allgemein und unpersönlich vielleicht Geschichten und Fotos scheinen. Es sind immer Momentaufnahmen von Gedanken die wir haben. Das lässt sich nie ganz vermeiden. Und mit unserer Idee, einen zweiten Blick zu wagen, müssen wir uns darauf einlassen, einem Menschen nicht das Wort „Runter“ entgegenzuschleudern. Denn wir wollen den anderen in seiner Sicht nicht beeinflussen, auch wenn vielleicht andere Sachen dabei rauskommen, als wir uns vielleicht vorgestellt haben.

So kann ich vielleicht schon Fotos zu diesem Post im Blick haben, aber dafür ist River zuständig. „Runter“ von meinen Gedanken, das kann ich ihr nicht sagen. Ich muss mich darauf einlassen und zulassen, dass sie meine Gedanken interpretiert, egal wie blöd ich das vielleicht finde.

Aber auch andersrum wird es ein Experiment. Ihre Fotos mit meinen Worten kommentieren. Und auch da kann sie mir kein „Runter“ geben, auch wenn meine Gedanken vielleicht in eine andere Richtung gehen, als sie sich im Foto gedacht hat.
„Runter“, geh weg aus meiner Wohlfühlzone.

Nein, wir gehen das Wagnis ein, unseren Gedanken und Bildern geben wir Raum. Unserem Gegenüber. Und wir lassen zu, das andere einen Blick, einen zweiten Blick auf unsere Art und Weise zu denken und uns auszudrücken riskieren … und diese, nicht zu verbergen.

Wir sagen nicht „Runter“, wir sagen: hier, was denkst du zu diesem Thema?

Und, was geht euch bei den Worten und bei den tollen Fotos durch den Kopf? Habt ihr auch einen 2., 3. oder gar 4. Blick für uns?

Begleitet uns. Kommt rauf auf unser Klettergerüst der Gedanken!

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